Monatsgedanken August 2026

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Auf Augenhöhe?!
Vor wenigen Wochen hat mein ältestes Kind sein erstes Zeugnis nach Hause gebracht. Wie schon zu meiner eigenen Schulzeit steht dort schwarz auf weiss, wo die Stärken und Schwächen liegen. Und wie damals fragte ich mich: Wer entscheidet eigentlich, wofür es
eine Note gibt und was nicht zählt?

Ich war eine gute Schülerin – zumindest in den Fächern, die zufällig benotet wurden. Es gab aber schon damals Dinge, die ich schlicht nicht konnte. Meine Orientierung ist legendär schlecht. Auf der Eisbahn kann ich mich zwar fortbewegen, zum Bremsen bevorzuge ich
allerdings die Bande. Und wenn mein Computer eine Fehlermeldung anzeigt, komme ich nicht viel weiter als: «Einmal aus- und wieder einschalten.»

Man stelle sich vor, Orientierung, Eiskunstlauf und Computertechnik wären die Hauptfächer in der Schule gewesen. Mein Zeugnis hätte vermutlich eher nach einer Katastrophenmeldung ausgesehen. Mein beruflicher Werdegang wäre wohl ein anderer geworden.

Dass jeder Mensch grosse Stärken und ebenso grosse Schwächen hat, ist uns bewusst. Oftmals aber ertappe ich mich selber dabei, andere zu «benoten». Und da ist es im Leben ähnlich wie in der Schule: Gewisse Stärken zählen mehr als andere, bzw. gewisse Schwächen
fallen mehr ins Gewicht.

Eigentlich wäre es schön, in den unterschiedlichen Begabungen das Verbindende zu sehen, anstatt zu bewerten. Allerdings ist es gar nicht so einfach, andere nicht zu bewerten. Und zwar nicht erst, seit es Schulzeugnisse gibt, schon Jesus hat darüber gesprochen:

Urteilt nicht über andere, damit Gott
euch nicht verurteilt. Denn so wie ihr
jetzt andere richtet, werdet auch ihr
gerichtet werden. Und mit dem
Maßstab, den ihr an andere anlegt,
werdet ihr selbst gemessen werden.
Matthäus 7,1-2

Andere zu beurteilen, zu messen und zu benoten scheint tief in uns Menschen angelegt zu sein – vielleicht auch, weil wir selber gerne im Vergleich gut dastehen wollen und andere gerne überragen. Apropos überragen: Als mein Sohn mit seinem Zeugnis vor mir stand, fiel mir einmal mehr auf: Es dauert gar nicht mehr lange, bis er mich überragt. Mit meinen 160 Zentimetern bin ich es gewohnt, bei Gesprächen meistens nach oben zu schauen. Bald wird das auch bei meinem eigenen Kind so sein. Doch Körpergrösse sagt genauso wenig über einen Menschen aus wie eine einzelne
Schulnote. Wenn wir uns bewusst machen, dass alle Stärken und Schwächen mitbringen und jeder Mensch auf seine Weise wertvoll ist, dann begegnen wir einander auf Augenhöhe. Und das hat am Ende weder mit Zentimetern noch mit Zeugnissen zu tun.

Pfrn. Rahel Hofer