Publiziert von: Anita Kreuz-Thoët
Bereitgestellt: 01.07.2026
Rad-Gedanken
Vergangenen Monat besuchte ich in Zürich zwei Pfarrweiterbildungen: Eine zum Handauflegen und eine zu KI, der künstlichen Intelligenz. Weiter auseinander hätten die Themen kaum liegen können …
Vergangenen Monat besuchte ich in Zürich zwei Pfarrweiterbildungen: Eine zum Handauflegen und eine zu KI, der künstlichen Intelligenz. Weiter auseinander hätten die Themen kaum liegen können …
Am Kurstag zu KI meinte der Referent, was er eine Woche zuvor erzählt hätte, gälte bereits nicht
mehr: Die USA hatten drei Tage zuvor aus Sicherheitstechnischen Gründen den leitstungsstärks-
ten Chatbot gesperrt, da der zu vieles konnte. Und, fügte er lapidar an, was er ein Jahr zuvor ge-
lehrt hätte, sei digitale Steinzeit. Ganz anders beim Kurs Handauflegen: Drei Blätter gab uns die
Kursleiterin ab, das Wichtigste knapp zusammengefasst. Danach wurden wir still und legten ei-
nander die Hände auf. Rund um uns herum pulsierte Zürich und wir sassen da und übten, was
bereits Jesus zweitausend Jahre vor uns praktiziert hatte – heilsam berühren. Mir war, als würde
ich aus der Zeit fallen. Als würde ich in einem Rad innen bei der Nabe ankommen, dort, wo sich
das Rad zwar dreht, aber viel langsamer als aussen. Bei der KI, Sie ahnen es, war es genau um-
gekehrt. Ich fühlte ich mich wie aussen beim Reifen. Dort, wo sich alles so schnell dreht, dass ei-
nem schwindlig werden könnte. Und auch übel, bedenkt man, dass bei der KI mit Leuten wie
Elon Musk und Peter Thiel mächtige Antidemokraten den Ton angeben.
Der Computer und ich, das ist keine Liebesgeschichte. Davon erzählen die Schimpfwörter, die
aus meinem Büro schallen, kommt irgendwo eine Fehlermeldung. Dass gerade in diesem Be-
reich die Entwicklung so rasant voranschreitet, bin ich geneigt persönlich zu nehmen. Trotzdem
habe ich mich an der Weiterbildung zu KI entschieden, den Grössenwahnsinnigen die Welt
nicht kampflos zu überlassen. Sie lesen richtig: Ich werde mich einarbeiten und die Vorteile von
KI nutzen lernen, jawohl! Und damit ich dieses Tempo aussen am Rad einigermassen aushalte,
will ich mich an Jesus orientieren und zwischendurch im Zentrum zur Ruhe kommen. Ausatmen
und einatmen. Spüren, wie meine Hände und meine Füsse und mein Bauch und mein Kopf und
mein Herz sich anfühlen. Und dankbar sein, dass ich bin. Dass wir sind. Dass wir leben und lie-
ben lernen dürfen.
So, meine ich, sollte es zu schaffen sein. So sollte dieser stete Wechsel zwischen innen und aus-
sen machbar sein. Denn irgendwie muss es ja gehen – das Rad der Zeit lässt sich nicht zurück-
drehen. KI gehört zur Zukunft. Die Urkraft des Heiligen aber zum Glück auch.
Lilian Fankhauser
Pfarrerin in der Kirchgemeinde Rapperswil-Wengi
